Selbstorganisation lernen – wie gelingt das?

Selbstorganisation lernen – wie gelingt das?

Die Zusammenarbeit in selbstorganisierten Teams ist für viele neu und ungewohnt. Dieser Wandel erfordert, dass Mitarbeiter umlernen. Wie kann das am besten gelingen? Diese Frage möchte ich anhand einer kleinen Gedankenreise in eine andere Welt beantworten: In die Welt der ‘Blinden Kuh’.

So heissen einige Restaurants in der Schweiz, in denen totale Finsternis herrscht. Dort bedienen Blinde sehende Restaurantbesucher. Sehende finden sich naturgemäss nur schwer in dieser Finsternis zurecht: Sie haben es nicht gelernt und können es deshalb nicht. Für Blinde hingegen ist die Welt immer dunkel. Sie haben gelernt, sich darin zurechtzufinden. Sie können es.

Lernen geschieht automatisch

Dies zeigt sehr schön, dass unser Gehirn plastisch ist und genau das lernt, was es braucht, um seinen Besitzer wohlbehalten durchs Leben zu führen. Da keine Lebenssituation identisch ist mit der eines anderen Menschen, verfügt Jeder über ein eigenes, höchst individuelles Erfahrungswissen. Dieses Wissen erlangt ein Mensch ganz automatisch. Er braucht dazu weder eine Definition der zu erlangenden Fähigkeiten noch eine Anleitung in Form von konkreten Regeln.

Das Spannende daran ist, dass dieses Wissen in weiten Teilen unbewusst ist, d.h. es steuert das Verhalten eines Menschen meistens ohne das er es merkt. Wahrscheinlich erinnerst Du Dich an Deine erste Fahrstunde? Damals erforderte es höchste Konzentration auf den Verkehr zu achten, das Auto auf der richtigen Strassenseite zu halten, die Geschwindigkeit beizubehalten sowie zu blinken und bremsen, um abzubiegen. Nach jahrelanger Fahrpraxis machst Du das alles ohne darüber nachzudenken. Und schaffst es sogar noch, Dich angeregt mit Deinem Beifahrer zu unterhalten.

Das Gehirn hat nämlich die wunderbare Eigenschaft, Automatismen zu bilden. Sobald eine Fähigkeit gelernt ist und regelmässig gebraucht wird, delegiert das Bewusstsein diese ans Unbewusste. Fortan läuft das Gelernte automatisch ab. Dieser Speicher an Fähigkeiten und Erfahrungen befindet in einem eigenen Gedächtnissystem, dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis.

Diese gelernten Automatismen bewähren sich natürlich in erster Linie in einer gleichbleibenden Umgebung. Bei einem spontanen Besuch in der ‘Blinde Kuh’ helfen sie den Sehenden nur sehr bedingt. Wäre jemand von den Restaurantbesuchen in der ‘Blinde Kuh’ so begeistert, dass er öfter dahin gehen wollte, würde auch dieses Gehirn lernen, sich in der Dunkelheit besser zurechtzufinden.

Lernen ist individuell

Schauen wir uns an, was sich daraus schlussfolgern lässt:

  • Menschen verfügen lebenslang über die Fähigkeit zu lernen und ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern. Sie brauchen jedoch einen Grund dafür. Das kann etwas Angenehmes sein, wie beispielsweise Spass an Besuchen in der ‘Blinde Kuh’. Doch auch etwas Unangenehmes kann Auslöser sein: Wenn jemand die Dunkelheit fürchtet und dennoch seinen Partner in die ‘Blinde Kuh’ begleiten möchte. In diesem Beispiel geht es darum, einen besseren Umgang mit dem Unangenehmen zu finden. Der Grund für eine Verhaltensänderung ist demzufolge höchst individuell und in einen bestimmten Kontext eingebunden.
  • Der Mensch hat zwei Gedächtnissysteme: den bewussten Verstand und das weitgehend unbewusste Erfahrungsgedächtnis. Beide steuern das Verhalten. Verhaltensänderungen gelingen leichter, wenn beide Gedächtnissysteme für das geplante Vorhaben zu begeistern sind. Der Verstand lässt sich mit logischen Argumenten überzeugen. Er denkt in den Kategorien richtig/falsch. Für das Erfahrungsgedächtnis ist die affektive Beurteilung des angestrebten Verhaltens massgebend. Es funktioniert nach dem Motto ‘mag ich, machen’ resp. ‘mag ich nicht, vermeiden’. Deshalb wirkt beispielsweise die Freude über einen Besuch in der ‘Blinde Kuh’ ausgesprochen motivierend.
  • Jeder Mensch verfügt über individuelle Ressourcen. Auf diese Fähigkeiten und Kompetenzen kann er bei der Verhaltensänderung aufbauen. Im Restaurant ‘Blinde Kuh’ hilft dem einen vielleicht sein ausgeprägter Orientierungssinn, der andere orientiert sich leichter anhand den Geräuschen im Restaurant.

Selbstorganisation lernen

Ein Besuch in der ‘Blinde Kuh’ ist für Sehende ein durchaus komplexes Vorhaben. Obgleich in der Sache komplett unterschiedlich, ist die Einführung von selbstorganisierter, agiler Arbeitsweise gleichermassen eine komplexe Angelegenheit. Die beschriebenen Erkenntnisse lassen sich demnach übertragen. Was sollte also bei der Einführung von Selbstorganisation beachtet werden?

Selbstorganisation durch Anordnung

Betrachten wir zunächst das Vorgehen, das häufig angewendet wird: Es ist das etablierte Law- and-order Prinzip, d.h. das Management ordnet an und begründet diesen Schritt mit vernünftigen, nachvollziehbaren Argumenten.

Dies kann aus folgenden Gründen leicht scheitern:

  • Die angeführten Gründe für die Verhaltensänderung repräsentieren die Sicht des Managements. Der Mitarbeiter befindet sich in einer anderen Situation und handelt aus einem anderen Kontext heraus. Beides bleibt mehr oder weniger unberücksichtigt. Da das ‘wofür’ – also der Grund für eine Verhaltensänderung – aus Mitarbeitersicht offen bleibt, kann schwerlich intrinsische Motivation entstehen.
  • Logik und Vernunft sind Domänen des Verstandes. Das Emotionale Erfahrungsgedächtnis wird dadurch kaum angesprochen, da es anders funktioniert. Im besten Fall ist demzufolge der Verstand des Mitarbeiters von den kommunizierten Argumenten überzeugt. Doch dieser steuert das Verhalten nur manchmal – in der Regel funktioniert ein Mensch im Autopilotmodus des Erfahrungsgedächtnis. Das erklärt, warum Mitarbeiter den angeordneten Massnahmen zwar zustimmen können, ihr Verhalten jedoch nicht oder nicht in der gewünschten Weise ändern.
  • Implizit wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch die gleichen Prinzipien, Regeln, Techniken und Tools benötigt, um sich ‘agil’ und ‘selbstorganisiert’ zu verhalten. Das ist nicht richtig. Jeder Mensch verfügt über ein individuelles Set von persönlichen Kompetenzen. Demzufolge hat er einen individuellen Lernbedarf. Zudem verkennt dieses Vorgehen den Umstand, das sich die gewünschte Verhaltensänderung für eine komplexe Situation ganz schlecht sprachlich formulieren und mit Regeln anordnen lässt.

Selbstorganisation durch Kooperation

Wer Selbstorganisation einführen möchte, sollte sich besser für ein Vorgehen entscheiden, das auf Kooperation mit allen Beteiligten basiert. Dadurch bestehen die besten Chancen, dass der innere Antrieb jedes Einzelnen aktiviert wird. Es entsteht intrinsische Motivation. Jeder sollte selbst beurteilen können, was für ihn wichtig ist. Was ihm gut tut. Und was nicht. Dabei sollten auch unbewusste Bewertungs- und Erwartungsprozesse ihren Platz haben. Genauso wie persönliche Ressourcen, Erfahrungen und Werte Berücksichtigung finden sollten.

Werden diese Aspekte einbezogen, hat jeder Einzelne die besten Voraussetzungen für das Umlernen. Damit bestehen optimale Voraussetzungen für den Wandel zu selbstorganisierter Teamarbeit.

Schreiben Sie einen Kommentar